Stefan Rohrers Kunst zwischen Kontrollverlust und Kindheit
Stefan Roher beugt sich über sein Kunstwerk und schaut in dessen Inneres, um sich ein Bild vom aktuellen Zustand zu machen. Vor 20 Jahren schuf er den „Manta“ bei Bronnacker am Skulpturenradweg.
Die Arbeit erweckt den Eindruck, als breche das Auto aus dem Asphalt hervor und ziehe sich über eine Länge von 18 Metern durch die Kurve. „Weil diese Skulptur meine erste Arbeit nach dem Studium war, verbindet mich bis heute eine besondere Beziehung mit ihr“, betont er im Gespräch mit dieser Zeitung.
Ein Auto kann für Freiheit, Status, Geschwindigkeit oder Kindheitserinnerungen stehen. In den Werken des Bildhauers erhält es jedoch eine andere Bedeutung: Es wird zum Objekt im Moment des Kontrollverlusts. Karosserien verlieren ihre Form, Fahrzeuge scheinen zu schleudern, sich zu falten oder gegen Wände zu prallen.
Die Fahrzeuge in seinen Skulpturen dürfen nicht einfach bleiben, was sie sind. Sie werden verändert, verdreht, aus ihrem vertrauten Zustand gerissen. Der Künstler inszeniert Situationen, die an Unfälle oder Schleudermanöver erinnern, allerdings nicht naturalistisch. Eher seien es „tragisch-komische, dreidimensionale Comiczeichnungen“, beschreibt er seine Arbeiten.
Mit der Kunst verarbeitet er seine Kindheit
Das Auto wird dabei zum Bild für ein Leben, das selten geradeaus verläuft. Kontrolle kann verloren gehen, Pläne geraten ins Wanken, etwas bricht aus der vorgesehenen Bahn aus. Die Themen liegen für den Künstler nahe: Auch sein eigener Werdegang war nicht ohne Wendungen.
„Ich habe ein ambivalentes Verhältnis zu Fahrzeugen“, sagt Rohrer. „Ich liebe sie eigentlich.“ Autos hätten ihn schon früh begleitet, das Zeichnen von Karosserien sei für ihn zunächst mehr als ein Hobby gewesen. Autodesigner wollte er werden.
In seiner Jugend war das Verhältnis zum Auto zudem politisch aufgeladen. Im Jugendzentrum sei man „total links und öko“ gewesen, erinnert er sich. Während andere über Reparaturen und Kritik am motorisierten Verkehr diskutierten, wollte er eben Autos entwerfen. Freunde hätten ihn damals von seinem Traumberuf abgebracht.

Schon mit 14 Jahren konnte Rohrer Autos aus unterschiedlichsten Blickwinkeln zeichnen. Sein Vater, Architekt und selbst ein begabter Zeichner, brachte ihm das bei. Der Vater hatte ursprünglich selbst Kunst studieren wollen, sich jedoch für einen „vernünftigen“ Beruf entscheiden müssen. Er wurde Architekt und später Stadtplanungsleiter. Kunst blieb dennoch Teil des Familienlebens: Es gab Kontakte zu Künstlern, Kunstvereinen und einer Szene, die für den Sohn früh faszinierend war.
Rohrer absolvierte zunächst ab 1987 eine Ausbildung zum Steinmetz, wurde Meister und arbeitete viele Jahre im Handwerk. Von 1998 bis 1999 widmete er sich der Bildhauerei an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle, wo die Aufnahmeprüfung zu den härtesten Erfahrungen seines Lebens gehörte. Hunderte Bewerber reichten Mappen ein, mussten stundenlang zeichnen und wurden in mehreren Runden ausgewählt. Am Ende blieben in seiner Bildhauerklasse nur zwei Studenten übrig. Später wechselte er an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, weil ihm das Studium in Halle zu verschult erschien. Dort fand er die Freiheit, die er gesucht hatte.
Während andere Kunststudenten zunächst lernen mussten, Material, Statik und Umsetzung mitzudenken, brachte er bereits zehn Jahre praktische Erfahrung mit. Diese Verbindung aus Idee und Handwerk ist für seine Arbeit entscheidend. Oft folgen auf die kreative Phase Monate der Planung: Dabei geht es um Fragen der Stabilität, geeignete Werkstoffe, die nötige Statik und die Möglichkeiten am jeweiligen Standort.
Sein Schaffen hat viel mit Handwerk zu tun
„Dann ist man drei Monate mit dem Umsetzen beschäftigt, wo man einfach nur als Handwerker überlegt: Wie könnte ich es denn bauen?“, erzählt er. Genau dieser Teil mache ihm Spaß. Kunst, so versteht er sie, müsse gebaut werden können.
Wie weit der Künstler technische Erfahrung und künstlerische Fantasie verbinden kann, zeigtt ein besonderer Auftrag vor über zehn Jahren: ein Porsche, dessen Karosserie und Innenraum mit Blattgold gestaltet wurden. Zunächst wurde der Wagen lackiert, anschließend ein Ornament in die Oberfläche geritzt und schließlich vergoldet.
Blattgold sei ein äußerst anspruchsvolles Material, erzählt der Künstler. Es ist so dünn, dass selbst Luftwirbel zur Herausforderung werden können. Während der Arbeit musste die Heizung ausgeschaltet bleiben, weil die Bewegung der warmen Luft das Gold davontragen konnte. „Ich hatte davor in dieser Größenordnung noch nicht mit diesem Material gearbeitet“, sagt Rohrer.
Gemeinsam mit einem befreundeten Restaurator arbeitete er sich von innen nach außen vor. Allein der Innenraum beanspruchte rund einen Monat. Als die beiden die Technik beherrschten, ging es schneller. Die Außenfläche war schließlich innerhalb von zwei Wochen fertig. Das Kunstwerk namens „Helios“ ist im Museum „Art.Plus“ in Donaueschingen ausgestellt.
Wellenförmige Landschaft inspirierte ihn zum „Manta“
Bevor er eine Skulptur plant, besucht er den vorgesehenen Platz, schaut auf Architektur, Umfeld und Nutzung. So war es auch beim „Manta“. Die wellenförmige Landschaft bei Bronnacker habe ihn dazu inspiriert, die Skulptur in dieser dynamischen Form zu gestalten, erläutert er. Den Standort habe er sich ausgesucht.
Nicht immer dreht sich seine Kunst um Autos. Er drehte auch schon Trickfilme, unter anderem zu Musik von Rachmaninow. Dabei filmte er jeden Ton einzeln, den er selbst am Klavier spielte, und setzte die Aufnahmen anschließend am Computer zusammen. „Im Film sieht man dann, wie ich die Stücke am Klavier spiele oder zumindest den Eindruck davon erzeuge“, sagt er. In seiner Kindheit habe er beim „Klavierspielen versagt“. So habe er im Nachhinein seinem Vater zeigen wollen, dass er es doch kann.

Autos bleiben sein bekanntestes Motiv. Sie tauchen in Museen auf, etwa in der Galerie Scheffel in Bad Homburg, sowie im öffentlichen Raum. Vor der Technischen Universität Darmstadt steht eine Rollerskulptur mit Laterne. Andere Arbeiten finden sich an Kreisverkehren oder auf kommunalen Plätzen.
Für den Künstler gehören auch die Geschichten rund um die Aufstellung zu einem Werk. Da ist etwa die „Schwalbe“ in Neumarkt in der Oberpfalz, die im Sommer mit einem Kranwagen über eine Laterne gehoben wird. „Solche Momente bleiben im Gedächtnis“, sagt Rohrer.
Quelle: FN; Rainer Schulz