Skulpturen

Nach Gemeinden:

Kunst in der Natur

Noch dazu Werke, auf die man sich auf den ersten Blick vielleicht keinen Reim machen kann oder die gar Abwehrreaktionen auslösen

Licht, lautlos - Skulpturenradweg | Skulpturen am Radweg - Kunst in der Landschaft

LICHT, LAUTLOS

Skulptur von Laila Auburger

Für den Skulpturenradweg entwarf Laila Auburger eine begehbare Skulptur aus Holz und Stein, die zugleich als Camera Obscura funktioniert.

Damit schafft sie eine Verbindung von Skulptur, Architektur und Fotografie. Für die Gestaltung werden regionale Materialien verwendet, die Wände werden mit Hölzern des Odenwaldes und Muschelkalk beplankt; so nimmt sie unmittelbar Bezug auf die Landschaft der Metropolregion.

Muschelkalk wird als Gestein der germanischen Trias, deren Grenze durch das Gebiet des Skulpturenpfads verläuft, seit Jahrtausenden als Gestaltungs- und Baumaterial eingesetzt. Die verwendeten Holzplatten wurden mit einer alten japanischen Veredelungstechnik gestaltet.

Die Funktion der Camera Obscura wird auch in der Form der Skulptur deutlich. Der trapezförmige Grundriss spielt auf die Anfänge der professionellen Fotografie, der Plattenkameras im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert an. Gleichzeitig deuten die auf simplen geometrischen Prinzipien basierenden Formationen von monolithischen Stein-blöcken und das Holz auf Relikte vorgeschichtlicher Kultstätten in ganz Europa hin.

Laila Auburger schlägt mit Licht, lautlos eine zeitlose Brücke zwischen prähistorischer Vergangenheit, den Anfängen des Zeitalters der industriellen Revolution und unserer heutigen Zeit der Digitalisierung und Information. Mit der Erfindung der Fotografie erlebte die menschliche Erinnerungskultur einen tiefgreifenden Wandel, der in der digitalen Bilderflut der Gegenwart mündet und in der Zukunft mit Phänomenen wie Virtual Reality und einem sich ständig steigernden Technologietransfer noch weitere Veränderung erfahren wird. Unser Umgang mit dem Phänomen der Fotografie, die ständige Verfügbarkeit des “Festhaltens einzelner Momente” dank des Smartphones, lässt die Vermutung aufkommen, das perfekte Erinnerungsfoto sei heutzutage wertvoller als das eigentlich Erlebte selbst.

Die Sehkraft des menschlichen Auges und die fotografische Kamera basieren auf ähnlichen physikalischen Grundlagen: Eine Camera Obscura besteht aus einem dunklen Raum (lat. camera = Kammer; obscura = dunkel), in welchen durch ein kleines Loch Licht auf eine Wandinnenfläche fällt. Hierbei wird der Außenraum spiegelverkehrt in den Innenraum projiziert und somit ein nicht statisches, nur schemenhaftes Abbild geschaffen. Die Camera Obscura steht somit auch als Sinnbild für verschiedene Übergänge in der menschlichen Kultur. So spielt sie bei der (Wieder-) Entdeckung der Perspektive in der Renaissance eine Rolle, ebenso wie beim Übergang zur industriellen Moderne, wo die chemische Fixation des Bildes einer Camera Obscura, die frühesten Gehversuche der Fotografie darstellt.

Licht, lautlos möchte im Kontext des Skulpturenradwegs dazu einladen, sich mit der eigenen Betrachtung, der Erfahrung der Landschaft und der menschlichen Rolle darin auseinanderzusetzen. Die begehbare Skulptur ermöglicht es den Reisenden, sich einen Moment zurückzuziehen und zur Ruhe zu kommen. Sie ermöglicht ein Innehalten, bei dem das Reisen, die Region und die Landschaft auf eine andere Art und Weise reflektiert und betrachtet werden können. Das projizierte Bild erlaubt einen anderen Blick auf die Umgebung, das Gelände und den Horizont. Die skulpturale Architektur erschafftt ein Gefühl von Ortung. Allerdings täuscht die Kamera nie darüber hinweg, dass es sich hierbei nur um ein Scheinbild handelt, das nie eine direkte Erfahrung mit der Umwelt ersetzen kann. Sie fordert die Besucher gleichermaßen dazu auf, sich wieder nach draußen in die reale Landschaft zu begeben, die nur in „Wanderung und Reise“ wirklich erlebt werden kann.